Mit d-you, der deutschen Umsetzung der europäischen EUDI-Wallet, soll ab Anfang 2027 ein weiterer Baustein digitaler Infrastruktur im Alltag ankommen. Personalausweis, Führerschein und weitere Nachweise sollen künftig digital auf dem Smartphone verfügbar sein und sich auch für Online-Dienste nutzen lassen. Verbraucherschützer mahnen dabei zu Recht an, Datenschutz und Datensparsamkeit von Anfang an mitzudenken. So fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband unter anderem, dass bei einem Altersnachweis tatsächlich nur die notwendige Information – beispielsweise „über 18“ – übertragen wird und nicht automatisch Name, Anschrift oder vollständiges Geburtsdatum.12

Ein Smartphone mit einer digitalen ID-Karte, von der nur ein Altersnachweis „18+" per verschlüsselter Verbindung an einen Diensteanbieter übermittelt wird, während Name und Adresse verborgen bleiben

Eine europäische Lösung ist mehr als eine neue App

Besonders wichtig ist dabei die europäische Dimension. Die EUDI-Wallet ist keine rein deutsche Insellösung, sondern Teil eines gemeinsamen europäischen Rahmens für digitale Identitäten. Wer sich künftig in Deutschland digital ausweisen kann, soll seine Nachweise grundsätzlich auch grenzüberschreitend innerhalb der Europäischen Union einsetzen können. Die zugrunde liegende eIDAS-2.0-Regulierung schafft dafür gemeinsame Regeln und technische Standards.3

Genau darin liegt eine große Chance: Europäische Integration findet nicht nur in Verträgen und Institutionen statt. Sie wird dann konkret, wenn Menschen im Alltag erleben, dass Europa Dinge einfacher macht. Eine gemeinsame digitale Identität kann dazu beitragen – beim Studium im Ausland ebenso wie bei Behördenkontakten, Vertragsabschlüssen oder dem Nachweis von Qualifikationen. Gleichzeitig stärkt eine europäische Infrastruktur die digitale Handlungsfähigkeit Europas gegenüber den großen außereuropäischen Plattformen.4

Datenschutz ernst nehmen – aber nicht bei null anfangen

Die Bedenken der Verbraucherschützer verdienen Aufmerksamkeit. Identitätsdaten gehören zu den sensibelsten Daten überhaupt. Datenschutz darf deshalb bei d-you kein nachträgliches Zusatzmodul sein. Gleichzeitig beginnt die digitale Welt mit der EUDI-Wallet nicht auf einer grünen Wiese. Für die Verarbeitung personenbezogener Daten bestehen bereits umfassende rechtliche Vorgaben – insbesondere durch die europaweit unmittelbar geltende Datenschutz-Grundverordnung und die sie ergänzenden nationalen Regelungen.

Auch die EUDI-Wallet selbst bringt zusätzliche Schutzmechanismen mit. Nach dem derzeit vorgesehenen Konzept werden Identitätsdaten lokal und verschlüsselt auf dem Endgerät gespeichert. Bei der Weitergabe soll zudem nicht pauschal ein kompletter Datensatz übermittelt werden. Relying Parties müssen sich registrieren und angeben, welche Informationen sie für welchen Zweck benötigen.5

Das bedeutet nicht, dass weitere Verbesserungen unnötig wären. Im Gegenteil: Wo sich Tracking verhindern, pseudonyme Nutzung ermöglichen oder die selektive Weitergabe einzelner Eigenschaften technisch besser absichern lässt, sollte dies umgesetzt werden. Datenschutz und Digitalisierung sind keine Gegensätze. Gute Digitalisierung muss beides zusammenbringen.

Die Eintrittsschwelle muss niedrig sein

Mindestens ebenso wichtig wie die Frage, was technisch möglich ist, ist allerdings die Frage: Wer kann die neue Infrastruktur überhaupt nutzen?

Eine digitale Identität entfaltet ihren gesellschaftlichen Nutzen erst dann vollständig, wenn sie nicht nur Behörden, Banken und großen Konzernen offensteht. Auch der Sportverein, die lokale Initiative, ein kleines Unternehmen oder der Anbieter einer kostenfreien digitalen Plattform sollte die Möglichkeit haben, die Wallet sinnvoll einzubinden.

Nach dem europäischen Architekturrahmen müssen sogenannte Relying Parties registriert werden. Die Mitgliedstaaten sollen dabei auch eine digitale Registrierung über eine Benutzeroberfläche oder API ermöglichen.6 Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt. Daraus sollte ein möglichst einfacher, transparenter und für kleine Organisationen bezahlbarer Zugang entstehen.

Wenn ein kleiner Verein beispielsweise lediglich bestätigen möchte, dass ein Mitglied volljährig ist, sollte dafür weder eine komplizierte Zertifizierungsstrecke noch die Beauftragung teurer Spezialdienstleister erforderlich sein. Ebenso sollten Open-Source-Projekte und Anbieter kostenfreier Dienste nicht faktisch ausgeschlossen werden, weil die technische oder administrative Einstiegshürde zu hoch ist. Eine europäische digitale Infrastruktur sollte gerade dadurch überzeugen, dass sie auch den Kleinen offensteht.

Gemeinsame Standards statt neuer Sonderwege

Gerade bei digitaler Infrastruktur sollten wir außerdem der Versuchung widerstehen, für jedes denkbare Problem einen eigenen deutschen Sonderweg zu schaffen. Der eigentliche Wert der EUDI-Wallet liegt in gemeinsamen europäischen Standards und ihrer Interoperabilität.

Natürlich können nationale Besonderheiten notwendig sein. Sie sollten aber die Ausnahme bleiben. Jede zusätzliche Sonderregel, jedes proprietäre Verfahren und jede unnötige Abweichung erhöht Komplexität und Kosten – und erschwert am Ende genau die europaweite Nutzung, die das Projekt attraktiv macht.

Europa braucht digitale Standards, die nicht nur auf dem Papier gemeinsam sind, sondern in der Praxis miteinander funktionieren. Je einfacher Entwickler, Behörden, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen dieselben Schnittstellen und Verfahren nutzen können, desto schneller kann ein echtes europäisches Ökosystem entstehen.

Digitalisierung braucht auch den Mut zum Anfangen

Deutschland hat bei der Digitalisierung lange genug erlebt, wohin der Anspruch führen kann, zunächst jede denkbare Eventualität abschließend regeln zu wollen. Sicherheit, Datenschutz und Barrierefreiheit sind keine Nebensachen. Sie müssen Bestandteil der Entwicklung sein. Aber auch eine digitale Infrastruktur wird nicht dadurch besser, dass sie möglichst lange nicht eingesetzt wird.

Die Bundesregierung verfolgt bei d-you ausdrücklich einen schrittweisen Ansatz: Anfang 2027 soll die Wallet mit ersten Funktionen und Anwendungen starten und anschließend weiterentwickelt werden. Bereits heute werden zahlreiche Anwendungsfälle getestet.7

Das ist grundsätzlich ein sinnvoller Weg: starten, erproben, zuhören und verbessern. Kritik von Verbraucherverbänden, Datenschützern, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sollte dabei nicht als Hindernis verstanden werden, sondern als Teil dieses Entwicklungsprozesses.

Wir brauchen hohe Standards. Aber wir brauchen ebenso den Mut, digitale Lösungen tatsächlich einzusetzen. Perfektion darf nicht zur Voraussetzung dafür werden, überhaupt anzufangen. Eine europäische digitale Identität kann einen echten Mehrwert schaffen – wenn sie sicher, offen, einfach zugänglich und tatsächlich europäisch gedacht wird.

d-you sollte deshalb nicht das Ende einer Entwicklung sein, sondern ihr Anfang: eine gemeinsame digitale Infrastruktur, die mit ihren Nutzerinnen und Nutzern wächst und zeigt, dass Europa Digitalisierung nicht nur regulieren, sondern auch gestalten kann.