Liebe Mitstreiter:Innen,

ich möchte heute über zwei Dinge sprechen, die für mich eng zusammengehören: darüber, wie viel Verantwortung wir unseren Mitgliedern zutrauen – und darüber, welche Partei wir eigentlich sein wollen.

Zum Antrag über die Vereinbarkeit von Local Lead, Landesvorstand und kommunalem Mandat:

Ich verstehe die Intention. Ehrenamt kann viel sein. Es kann zu viel sein. Und natürlich sollten wir aufeinander achten.

Aber Fürsorge bedeutet für mich nicht, anderen vorsorglich Entscheidungen abzunehmen oder ihnen im Rahmen von Leitlinien oder Satzungen nahezulegen, welche Verantwortung sie sich selbst zutrauen sollten.

Ich nehme mich da ausdrücklich selbst als Beispiel. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, mich zu regulieren und nicht aus Begeisterung, Überzeugung und Enthusiasmus noch eine Aufgabe mehr zu übernehmen. Ich kenne diesen Lernprozess – und ich bin mittendrin.

Und ich glaube nicht, dass er bei Überzeugungstätern jemals ganz abgeschlossen ist. Wer für eine Sache brennt, denkt eben schnell: Das kann ich auch noch machen. Da kann ich noch helfen. Das ist wichtig.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir Menschen vollständig vor Überlastung schützen können. Sondern ob wir ihnen zutrauen, ihre Grenzen wahrzunehmen, Erfahrungen zu machen und daraus zu lernen.

Unsere Mitglieder sind mündig. Selbstfürsorge kann keine Leitlinie für uns übernehmen.

Wenn wir feststellen, dass jemand mit mehreren Aufgaben an Grenzen kommt, dann sollten wir miteinander sprechen, Erwartungen klären und gemeinsam schauen, was realistisch leistbar ist. Aber wir sollten Menschen nicht vorsorglich davon abraten, Verantwortung an mehreren Stellen zu übernehmen.

Vor allem aber ist unsere Realität eine andere: Gerade in ländlichen Regionen haben wir nicht unbegrenzt viele aktive Mitglieder. Und noch weniger Menschen, die nicht nur bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern auch tatsächlich die zeitlichen und persönlichen Kapazitäten dafür haben.

Gerade deshalb sollten wir uns darüber freuen, wenn Menschen Verantwortung in mehreren Bereichen übernehmen können und wollen – nicht sie mit einem gut gemeinten „Du solltest lieber nicht“ bremsen.

Und damit zum zweiten Punkt.

Manchmal lese ich unsere Regelungen und frage mich, ob ich verpasst habe, dass wir inzwischen in mehreren Landtagen und im Bundestag sitzen.

Meine Wahrnehmung ist eine andere.

Wir sind eine junge Partei. Wir wollen wachsen, sichtbar werden, Mitglieder gewinnen und Mandate erringen.

Und gleichzeitig bauen wir manchmal Strukturen, als müssten wir vor allem unseren bereits erreichten Erfolg verwalten.

Dabei kenne ich eigentlich nur Mitstreiter:innen, die pragmatisch, progressiv und paneuropäisch handeln wollen. Ich kenne niemanden, der zu Volt gekommen ist, um in Zuständigkeiten, Leitlinien und Strukturen zu versumpfen.

Pragmatisch heißt für mich: Regeln an der Realität ausrichten.

Progressiv heißt: Möglichkeiten eröffnen statt sie vorsorglich zu begrenzen.

Paneuropäisch heißt: Vielfalt und unterschiedliche Wege aushalten.

Natürlich brauchen wir Regeln. Aber Regeln sollten uns helfen, Politik zu machen – nicht dazu führen, dass wir uns selbst verwalten.

Ich wünsche mir sogar, dass wir irgendwann ein bisschen schwerfälliger werden – nicht im Sinne von langsam oder unbeweglich, sondern weil Größe zwangsläufig komplexer macht.

Wenn wir sehr viele Mandate haben, sehr viel Verantwortung tragen und sehr viele Menschen miteinander koordinieren müssen, dann werden Entscheidungen und Abläufe automatisch anspruchsvoller.

Aber ich möchte, dass wir uns diese Schwerfälligkeit erst verdienen.

Durch Wachstum. Durch Mandate. Durch Verantwortung.

Nicht, indem wir sie schon heute vorwegnehmen.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir uns künftig öfter fragen:

Löst diese Regel gerade ein tatsächliches Problem – oder bauen wir schon die Verwaltung für eine Partei, die wir erst noch werden wollen?

(Das ist der Rede-Entwurf [erleichtert um zwei Punkte, welche sich erübrigt hatten], in der Rede selber sind einzelne Passagen gegebenenfalls leicht anders formuliert gewesen)